Unterrichtsaufbau und Schwerpunkte der aufeinander aufbauenden Programme im ARTMA Curriculum – Arbeit aus 2013

April 16, 2020 Günther Plank

Schriftliche Arbeit für den 5. Grad
Von
Sifu Günther Röder
Unterrichtsaufbau und Schwerpunkte der aufeinander aufbauenden Programme im ARTMA Curriculum

Unterrichtsaufbau – so wie er sein soll, Willkür oder übernommene Tradition?
Jeder Lehrer stellt sich natürlich die Frage, ob er das, was er unterrichtet so unterrichtet, dass der Schüler es so gut wie möglich aufnehmen und umsetzen kann.
Es geht hierbei jedoch bei einer Kampfkunst um eine andere Zielsetzung, als bei einer Kampfsportart bzw. Sportart im Allgemeinen. Nicht möglichst schnell viel Leistung erbringen, sondern eine umfassende, gleichmäßige und ganzheitliche Entwicklung sind hier die Zielsetzung.
Oft wird die Frage gestellt, ob es nicht sinnvoller wäre den Aufbau
1 SNT (Siu Nim Tao – Kleine Idee Form, Standform)
2 CK (Chum Kiu – Brücken Form, Schrittform)
3 BT (Biu Tze– stechende Finger, Schlangenform)
4 MYC (Muk Yan Chong – Holzpuppenform)
(um bei den waffenlosen Formen des als Basis dienenden Wing Tsun Systems zu bleiben) zu durchbrechen, und zBsp. mit der MYC oder Biu Tze anzufangen um somit schneller das „Ziel“ zu erreichen.

Bei unserem Austritt aus der EWTO im Jahr 2007 hätten wir dazu die Möglichkeit gehabt, dies zu tun, und den traditionellen Aufbau zu durchbrechen. Selbiges gilt beim Austritt von Sifu Franz und der Entwicklung von ARTMA im Jahr 2010.
Im folgenden will ich erläutern warum dies (hier kann ich allerdings nur für mich/uns sprechen – glaube jedoch, dass es sich mit dem Ansatz von Sifu Franz weitgehend deckt) nicht geschehen ist, und der Aufbau meiner Meinung nach ein äußerst sinnvoller, und für den Schüler hilfreicher ist:
Ich vergleiche Kampfkunst – im Gegensatz zu Kampfsport – gerne damit, dass ich mir einen umfangreichen Werkzeugkasten erarbeite, wogegen ich in der Selbstverteidigung oder im Kampfsport ein recht eingeschränktes Repertoire zur Verfügung habe, welches einem Hammer gleicht. Egal wie die Aufgabenstellung ist, wenn ich nur einen Hammer habe, kann ich nur einen Hammer benutzen – den lerne ich dafür aber gut zu nutzen und vielseitig einzusetzen.
Habe ich das Werkzeug Hammer wirklich gut im Griff, so kann ich damit sehr viele Problemstellungen gut bis sehr gut lösen, und brauche keinen umfangreichen Werkzeugkasten.
Ich will damit zum Ausdruck bringen, dass ein guter Kampfsport-Anwender in vielen Fällen einem Kampfkunstanhänger, der mit seinem Werkzeugkasten noch nicht umgehen kann, bzw. sich noch keinen umfangreichen Werkzeugkasten erarbeitet hat, in der Anwendung durchaus überlegen sein kann und anfänglich auch sein wird.

Kampfkunst erlernen ist kein kurzer oder einfacher Weg sondern eben Kung Fu – Harte Arbeit ….

Die waffenlosen Grundkonzepte von ARTMA (bzw. Wing Tsun) bestehen aus in sich (mehr oder weniger) abgeschlossenen, sich jedoch gegenseitig befruchtenden, aufeinander aufbauenden und ergänzenden Ideen & Vorgangsweisen. Manche sehen auch verschiedene Stile im Konzept des Wing Tsun vereint, was auch nicht ganz abwegig ist, wenn man Wing Tsun mit MMA (nur eben vor 300 Jahren) vergleicht. Dies macht meiner Meinung auch die Vielfalt der verschiedenen Sub-Stile bzw. Interpretationen aus.
Mit der MYC-Idee ausgeführte CK Aktionen unterscheiden sich eben von mit BT-Idee ausgeführte SNT Aktionen usw.
Während viele VT-Stile eher im aktiven, recht kräftigen MYC Bereich arbeiten, ist zBsp. die EWTO Variante sehr flexibel und anpassungsfähig.

Solange jedoch immer nur ein Teil beherrscht wird (Yin oder Yang), ist es eben nur ein unvollständiger Werkzeugkoffer, was unter Umständen dazu führen kann, dass genau das, was man gerade benötigen würde – fehlt!
Davon ausgehend, dass ich sowohl Yang, als auch Yin Fähigkeiten gleichermaßen beim Schüler fördern will (weil es eben ein ganzheitliches, umfassendes Konzept ist), muss ich ihn mehr oder weniger dazu zwingen, sich mehrere verschiedene Grundideen zu erarbeiten.
Ein von Haus aus kräftiger Schüler, welcher es gewohnt ist, mit Körperkraft Lösungen zu finden, wird mehr am „sich Anpassen“ arbeiten müssen (somit mehr Probleme mit den Yin-Konzepten haben), eine zierliche Frau, welche diesen „Kraft = Lösung“ Ansatz nicht von Haus aus im Körper verankert hat, wird sich im Bereich der Biu Tze anfänglich wohler fühlen/leichter tun, als in den Yang-lastigen Teilen.
Ich möchte für alle, die mit dem Yin/Yang Symbol nicht so vertraut sind nochmal erwähnen, dass es nur Yang (in dieser Arbeit oft als Synonym für „kräftig, hart“) oder nur Ying (für flexibel, anpassungsfähig) nicht gibt – in beiden ist immer ein Anteil des anderen Enthalten. Es sind auch nicht so sehr fixe Zustände, sondern Übergänge von „mehr dem einen“ zu „mehr dem anderen“ und umgekehrt. Somit finden wir natürlich in den „Yang-Formen“ SNT/CK (MYC) Yin Aspekte und in der Biu Tze und Kreisform Yang Aspekte.

Siu Nim Tao und Chum Kiu – wie baue ich einen soliden Gartenzaun:
Was sind nun Grundinhalte von SNT/CK, und warum sind sie für die weitere Entwicklung so wichtig:
Struktur, Stabilität und Geometrie, einerseits im Stand (SNT), andererseits auch in Bewegung (CK).
Die Fähigkeiten, seine Arme so zu positionieren, dass der eigene Körper dahinter so gut als möglich geschützt ist (man also einen stabilen Garten vor seinem Haus hat), dabei gleichzeitig aber solide & stabil zu stehen sind Grundaufgaben der SNT.
Das „Garten“ – Erklärungsmodell finde ich insofern hilfreich, da jedem klar ist, dass, wenn niemand in den Garten kommen kann, auch niemand ins Haus kann (funktioniert von der Grundidee als Erklärung aber vielleicht „am Land“ besser als in der Stadt).
Allein die Aufgabe die Bahnen & Positionen zu beschreiten ist sehr schwierig, und dies halbwegs korrekt zu meistern dauert schon eine gewisse Zeit. Dies war vielleicht im traditionellen Unterricht kein Problem, heutzutage werden aber paralell zu diesen Fähigkeiten auch noch von Anfang an diverse andere Ansätze zeitgleich unterrichtet (was sowohl Vor-, als auch Nachteile hat).
Gleichzeitig mit der Armgeschicklichkeit sollte in dieser Lernphase die Fähigkeiten der Beine (Stand, Schritte) so weit automatisiert werden, dass darauf aufbauend dann das Erlernen der CK niemanden vor ein „unlösbares“ Problem stellt. Solange beide Aspekte – Arme & Beine – noch mit viel Denken separat angesteuert werden müssen, ist eine Verknüpfung der beiden „Einzelteile“ äußerst frustrierend (sowohl für den Schüler, als auch für den Lehrer).
In der SNT lerne ich also erst einmal vor meinem Körper einen Gartenzaun aufzubauen, welcher Angriffe, die direkt auf meinen Körper gehen, keilförmig abgleiten lassen (unterstützt durch die Grundreaktionen Bong/Tan/Jum/Kao usw.).
Die einzige Möglichkeit in meinen Garten einzudringen sollte das Gartentor (Spitze des Schutzkegels) sein. (Dies gilt für geradlinige Angriffe – bei runden Angriffen muss ich den Gartenteil „auf den Kopf stellen“ und habe 2 Gartentore zu bewachen).

Damit diese Konzept funktioniert benötigt man
a) eine Idee des Gartenverlaufes (sprich die Bahnen der SNT)
und
b) eine gewisse Grundstabilität in Armen und Beinen

Um Angriffe dann wirklich abgleiten lassen zu können ist es wichtig sich die Geometrie der Grundreaktionen gut einzuschleifen (Yang Aspekt), gleichzeitig aber natürlich auch das Gefühl des „Begleitens des Gegners“ (Yin Aspekt) zu erarbeiten.
Über die SNT hinaus ermöglicht es die CK den Garten & das Haus so im Raum zu bewegen, dass man immer optimal zum Gegner hin ausgerichtet ist und somit das Haus nicht „eingenommen“ werden kann.
Neben der Grundschwierigkeit, dass neben den Armen nun auch die Beine (& der Raum) mit im Spiel sind, ist auch die Aufgabenstellung für die Arme nun eine weit schwierigere. Während in der SNT lediglich ein Arm aktiv Bahnen beschreitet (während der andere scheinbar bewegungslos im Sao Chong verweilt), oder beide Arme die gleichen Bewegungen machen (Ausnahme der 8. Satz, in welchem die Bahnen „zeitversetzt“ angefahren werden), muss in der CK nun bewerkstelligt werden, dass beide Arme gleichzeitig in unterschiedlichen Bahnen „fahren“.
Somit ein weit höheres und teilweise schon sehr forderndes Anforderungsprofil für den CK Schüler.
Zusammenfassend sind Grundaufgaben der SNT/CK also sich einen stabilen Garten zu erarbeiten, welcher es ermöglicht Angriffe des Gegners am Gartenzaun entlang „um ́s Haus“ umzuleiten. Dies benötigt ein gewisses Maß an Stabilität & Struktur (Yang) in Armen und Körper. Einziger „Zugangspunkt“ des Angreifers sollte das Gartentor sein, was anhand verschiedenster ChiSao Abläufe immer und immer wieder geübt wird. Bildlich gesprochen: ein Wachhund wird am Gartentor mit einer kurzen Kette angebunden und soll dieses bewachen.
Wir gehen nun davon aus, einen stabilen Garten erarbeitet zu haben, den Angreifer entlang dem Gartenzaun leiten zu könnene (kleben bleiben) und das Konzept von „ist es möglich stoße ich vor, wenn nicht leite ich um“ verstanden zu haben.
Ich habe mir also – um in der Idee des Werkzeugkastens zu bleiben – Hammer, Beißzange und Schlitz- und Kreuzschraubenzieher erarbeitet.
Fragestellung (Angriff) – Antwort (Abwehr/Parade) und Gegenantwort (Konter/Riposte) erfolgen (meist) zeitlich nacheinander.
Welche (tendenziell) Yin – Schwerpunkte gibt es bis zu diesem Zeitpunkt in der Ausbildung des Schülers:
* Basisflow, Gelenkspiel – durchgewegen und „gängig“ machen der großen Gelenke, Bewußt machen, was wie bewegt werden kann, Körpergefühl erarbeitet haben
* Gefühlstraining – Daan Chi, Poon Sao, Push Hands, Response, Chi Sao, Chi San, Chinna * Qigong Elemente – Stehende Säule, Baduanjin, Yoga Flows
* Waffentraining – Speer (zumindest was Körperflexibilität angeht)
Auch wenn die Anwendung von SNT & CK grundsätzlich zu diesem Zeitpunkt sehr Yang sind, könnten sie natürlich auch Yin ausgeführt werden – nicht jedoch auf diesem Level des Schülers.

Biu Tze– der Garten ohne Zaun
Wer braucht schon einen Zaun, wenn er scharfe Hunde hat…
Was sind nun Grundinhalte der Biu Tze, und warum sind sie für die weitere Entwicklung so wichtig:
Lösen & Wiederfinden der Struktur, flexible Peitschenkraft, Raumdeckung, Timing, Angreifen statt Abwehren
Darauf aufbauend, dass ein stabiler Stand und die Grundbewegungsmuster der SNT & CK sitzen, kommen nun zum Teil völlig andere Konzepte & Ideen hinzu und lösen teilweise die bisherigen Konzepte ab oder ergänzen sie. Der Körper (& Geist) bekommt zusätzlichen Handlungsspielraum, neue Bewegungsmuster & Möglichkeiten.
Dies führt dazu, dass sich bisher erarbeitete Lösungsansätze manchmal umständlich oder „klobig“ anfühlen. Ein Grund, warum vor Erlernen der Biu Tze das SNT/CK Potential wirklich voll ausgekostet worden sein sollte, denn andernfalls nimmt der Körper gerne „Biu Tze – Abkürzungen“, was per se ja nicht schlecht ist, aber eben gewisse SNT/CK Fähigkeiten nicht entwickelt (was gegen die Ganzheitlichkeit spricht).
Andererseits heißt Biu Tze lernen aber natürlich auch – wie auch bei den anderen Schritten – dass man sich teilweise von hart erarbeiteten und liebgewonnenen Lösungen verabschieden muss, um sich für neue Konzepte & Lösungsansätze zu öffnen.
Auch wenn man einen 9er Nußaufsatz in seinem Werkzeugkasten vielleicht nur 1 x alle 3 Jahre benötigt (wenn überhaupt), so ist man in diesem einen Fall dann doch sehr froh darüber, ihn in seinem Werkzeugkasten zu finden, um das Problem optimal lösen zu können. Alle anderen Lösungsansätze (Zange oder ähnliches) könnten zwar helfen, sind aber eben nicht wirklich die passenden.
Während sich der Schüler in der SNT/CK darauf verlässt, dass der Angreifer „am Gartenzaun entlanggeleitet wird“ (= begleitet, kleben bleibt), werden nun die Bereiche „im Garten“ und „außerhalb vom Garten“ erarbeitet. Hier drängt sich der Vergleich mit scharfen Wachhunden, welche nicht das Gartentor selbst bewachen, sondern Freilauf im ganzen Garten haben, auf. Diese lassen den Angreifer zwar eventuell hinein, aber sicher nicht mehr hinaus. Ab und zu fangen sie den Angreifer auch schon auf der gegenüberliegenden Straßenseite ab bzw. verschrecken diesen durch bellen/knurren oder einfach ihre bloße Anwesenheit (Ausstrahlung).
Diese Herangehensweise erfordert nun einen flexiblen Körper, viel Gefühl, Timing und optisches Arbeiten, weil der Schüler eben wissen sollte, wann sich wer wo im Garten aufhält und wie dem Einhalt geboten werden kann wenn nötig.
Die Winkelarbeit ändert sich, der Körper übernimmt teilweise die Meidebewegung während gleichzeitig der Arm angreift (es wird also eine Zeit „eingespart“). Die Biu Tze Lösungsansätze sind meist schneller, direkter, nicht jedoch so sicher wie jene von SNT/CK Lösungen.
Zusätzlich zu diesem Yin-Schwerpunkt arbeitet der Schüler natürlich weiterhin auch an den vorangegangenen (tendenziell) Yang – Übungen der SNT & CK.

MYC – Mein Haus kann sich bewegen
Was sind nun Grundinhalte der MYC, und warum sind sie für die weitere Entwicklung so wichtig:
Ganzkörperarbeit, Struktur, Winkelarbeit, optisches Arbeiten, Verbessern von Yin & Yang, Seidenfäden
Sowohl Yang, als auch Yin Aspekte des Schülers sind schon recht solide ausgebildet, meist jedoch vom Konzept her noch „entweder – oder“.
Die MYC schult nun beides kombiniert einzusetzen, die Arme Yang zu halten und die Beine Yin. Dadurch eröffnen sich völlig neue zusätzliche Möglichkeiten – ich kann nun den Gegner bewegen (bedingt durch die satt verbesserte Körperstruktur aufgrund des Puppentrainings), oder eben mich um den Gegner herum bewegen. Gleichzeitig kann ich mit schlängelnder, schneidender Kraft ebenso wie mit brachialer keilförmiger Kraft in den Gegner eindringen – oder eben eine Mischung aus beidem verwenden.
Vor allem aber wird es dem Schüler/Lehrer möglich aufgrund der Schrittarbeit sehr viel optischer/aktiver zu arbeiten, da der Garten ja bereits via SNT/CK „stabil sicher“ und via BT „flexibel sicher“ geworden ist. Die taktilen Fähigkeiten müssen nur mehr dann greifen, wenn die optischen allein nicht ausgereicht haben.
Die Grundidee liegt nun nicht mehr darin, seinen Keil nach vorne zum Gegner zu schieben und diesen nach Kontaktaufnahme „umzuleiten“, sondern die Bahnen des Angreifers vorab zu Lesen, entsprechende Gegenbahnen (vor allem dank Schrittarbeit & stabilerer Bahnen) zu fahren und dem Gegner somit meine Aktionen aufzuzwingen. Für den Fall, dass dies nicht funktioniert hat der Schüler (mittlerweile Lehrer) sich durch jahrelanges Training genügend taktiles Vermögen erarbeitet eventuelle „Störeinflüsse“ des Angreifers umzuleiten und zwischen den Yin & Yan Möglichkeiten entsprechend auszuwählen.
Die Holzpuppe beinhaltet also beides – Yang (erarbeitet in SNT/CK, verbessert an der MYC) & Yin (erarbeitet in der BiuTze, verbessert an der MYC).
Außerdem löst die jahrelange Bewegungserfahrung mehr und mehr mittels optischem „Lesevermögen“ die taktilen Reaktionsgruppen ab, und nutz diese nur mehr, wenn es sein muss.
Zusammengefasst wurde also zuerst mit dem „Einfachsten“ (Koordination & Positionierung der Arme bei stabilem Oberkörper/Stand), über das Schwierigere (Einbeziehung des Oberkörpers & Flexibilität in der BT), bis hin zum Schweren (der systematischen Beinarbeit) der ganze Körper zur Entwicklung von „Körperintelligenz“ gezwungen. Es stehen somit 3 teilweise komplett unterschiedliche Antwortmöglichkeiten zur Verfügung, welche sich im Idealfall automatisch ergeben.
Anders betrachtet wurde die Aufmerksamtkeit vom Handgelenk über Ellbogen, Schulter, Rumpf ins Dantien gleitet, um von dort wieder Richtung Beine & Arme ausstrahlen zu können. Durch Äußere Übungen wurde nach und nach Innere Energiearbeit geleistet, welche nun beginnt von innen heraus die Bewegung entstehen zu lassen. Somit werden die Bewegungen nicht mehr gemacht, sondern sie können entstehen.

Geistige / Emotionale Entwicklung durch die waffenlosen Formen:
Ein nicht zu verachtender Punkt, welcher gerne übersehen wird, ist die Wechselwirkung zwischen dem, was wir tun und wie wir dadurch werden.
Für einen ganzheitlichen Ansatz darf dieser Aspekt natürlich auch nicht außer Acht gelassen werden.
Siu Nim Tao:
Diese schult den Umgang mit einem selbst, erkennen der eigenen Grenzen und Unzulänglichkeiten. Der Schüler ist so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass eine Interaktion mit dem „Gegenüber“ kaum stattfindet. Sämtliche geometrischen Aspekte beziehen sich auf einen „gespiegelten Gegenüber“ – somit eigentlich auch wieder sich selbst. Nicht umsonst wird die SNT auch als Bewegungsmeditation bezeichnet.
Chum Kiu:
Hier erfolgt schon eine gewisse „Interaktion“. Nachdem der Schüler seinen eigenen Garten, seine Emotionen, seine Leidensfähigkeit im ständigen Wiederholen der immer wieder gleichen Bewegungen geschult hat kommt nun der Aspekt des „Raumes“ dazu. Es wird wichtig, „wie ich zum Gegenüber stehe“ – und zwar auf zweiterlei Hinsicht – geometrisch, als auch emotional. Immer noch damit beschäftigt seine eigenen Grenzen & Emotionen „im Zaun“ zu halten ist auch hier immer noch vordergründig, dass niemand unerlaubt in meinen Bereich eindringt. Ob das nun körperlich oder verbal/emotional ist, macht eigentlich keinen Unterschied. Der Schüler versucht seinen eigenen Bereich zu schützen, mit sich selbst im Reinen zu sein – und zwar großteils dadurch, dass der eigene Garten gewahrt bleibt und der Gegner in einem gewissen Abstand zu einem selbst vorbeigeleitet wird. Was vielen Schülern körperlich viel leichter gelingt, als im Bereich von verbalen/emotionalen Übergriffen.
Biu Tze:
2 Aspekte, welcher hier beachtet werden sollten sind wie folgt:
Einerseits wird der Handlungsspielraum, wie nahe jemand etwas an sich heranlässt ohne direkt betroffen bzw. getroffen zu werden größer, andererseits kommen hier erstmals wirkliche direkte Angriffe (im Gegensatz zum Konter der SNT/CK) ins Spiel.
„Die Biu Tze verlässt nicht das Haus“ könnte in diesem Zusammenhang auch so interpretiert werden, dass der Biu Tze Schüler schon in sich gefestigt sein muss, da eben ein Aspekt der Biu Tze die Möglichkeit des Tötens des Gegenüber beinhaltet. Viele Schüler haben damit (zum Glück) Probleme, und bedürfen einer guten Führung, um diesen Aspekt zu „verdauen“.
Einem Schüler ohne langjährigen Auseinandersetzen mit sich selbst und der Entwicklung einer gewissen inneren Ruhe und Gelassenheit die Biu Tze beizubringen ist meiner Meinung nach grob Fahrlässig. Die Gefahr, dass der unausgeglichene Schüler/Lehrer, das „Tötungspotential“ der Biu Tze mißbraucht ist groß. Die Erkenntnis, dass Töten können bedeutet, in einem Kampf viel länger nicht töten zu müssen (weil eben der Aspekt der Notlösungen viel Handlungsspielraum einräumt) ist unabdingbarer Bestandteil der emotionalen/geistigen Entwicklung.
MYC:
Auch wenn man in der BT den Aspekt des Tötens bereits zu verdauen begonnen hat, dies aber immer noch als Reaktion und Ausweg aus einem Übergriff auf einen selbst sieht (Notlösung), so beginnt man in der Holzpuppe aktiv dem Gegenüber seinen Willen aufzuzwingen.
Nicht mehr anpassungsfähige Adaption an den Gegenüber, sondern Adaption des Gegenüber an das was man selbst will ist hier Bestandteil der Entwicklung. Dem Gegner wird somit der eigene Wille aufgezwungen – sollte das nicht gelingen wird eben (dank der Entwicklung der eigenen Anpassungsfähigkeit & Flexibilität in SNT, CK & BT) die Ausgangslage geändert – das Ziel bleibt aber bestehen. Gleichzeitig dazu vermittelt die Holzpuppe ein gewisses Maß an „geerdet sein“ und mit dem Gegenüber/der Puppe in Verbindung zu stehen. Somit wird zwar einerseits das Durchsetzen des eignen Willens, andererseits aber auch gleichzeitig ein höheres Einfühlungsvermögen in den Gegenüber bewirkt. Speziell hier (wie aber auch im WingTsun allgmein) ist die Gefahr groß, zum Egoisten zu werden, der nur seinen eigenen Vorteil im Auge hat und dieses Ziel skrupellos verfolgt. Eingebettet in „nicht Wing Tsun spezifische“ Zusatzübungen wie Meditation sollte der Schüler/Lehrer hier allerdings schon so weit auf dem Weg des Edlen gegangen sein, dass er erkennt, dass alles eins ist, und er sich dadurch nur selbst schaden würde.

Wie passen nun die verschiedenen Waffengattungen in den Programmaufbau?
Auch hier wird Yang-lastig begonnen:
Der Stock/Speer als erste Waffe schult erstmal grundlegende Struktur, ermöglicht über seine Länge eine sehr gute Einschätzung von Bahnen/Gegenbahnen und Timing und erweitert das Bewegungsspektrum. Die Waffe als Erweiterung des menschlichen Körpers soll sich etablieren. Stabiler Stand und Kraftübertragung aus dem ganzen Körper sind grundlegende Benefits dieser Waffengattung. Anhand des Speeres als Grundlage für alle weiteren Waffengattungen erarbeitet man sich ein recht umfangreiches Bewegungsrepertoir, auf dem viele der weiteren Waffen aufbauen können.
Das mittelalterliche Schwert greift nahtlos die Grundidee des Arbeitens aus dem ganzen Körper auf. Die schwere der Waffe (sofern man eine „richtige Waffe“ benutzt, was meiner Meinung nach unerlässlich fürs Formentraining ist) lässt ein Arbeiten aus den Armen oder dem Handgelenk einfach nicht zu. Die Huten und Häue, welcher der Schüler sich erarbeitet finden sich (logischerweise) in den anderen Waffengattungen teilweise wieder. Weiters folgt auch eine „Überleitung“ der bisher eher chinesischen Ausrichtung auf eine europäische, weil das Schwert bei uns in Europa ja lange Zeit eine recht große Rolle spielte. Hiebe, Stiche, Schnitte – meist mit großer Körperbeteiligung ausgeführt, stärken die Struktur.
Dao – noch immer Yang lastig (also mit starken Hieben), aber bereits mit einem leichten Ansatz von Yin – Aspekten; Elegantere, flüssigere Bewegungen, welche durch die leichtere Waffe ermöglicht werden bringen ein noch besseres Körperbewußtsein, diesmal jedoch schon auf etwas feinerer Ebene.
„Yin“ – Waffen: Jian / Degen / Rapier / Säbel
Durch die Leichtigkeit der Waffen, den Focus auf scharfe Schnitte und Stiche, fördert speziell die Jian Form eine sehr subtile, feinstoffliche Verbindung von Körper & Körpererweiterung (Waffe). Nicht umsonst wird beim Taijiquan das Jian als „König der Waffen“ angesehen. Es bringt in der Entwicklung ungemeine Fortschritte, fordert jedoch dafür im Gegenzug natürlich viel Kung Fu (Harte Arbeit).
Je schmaler dann die Waffe, desto feiner & eleganter die Meidebewegungen, direkter die Stiche und wichtiger die flexible, leichte Schrittarbeit. Wo man mit einem Schwert oder teilweise einem Dao noch „dagegenhalten“ kann, muss man mit einer leichten Waffe seine Körpergeschicklichkeit aufwenden, damit man nicht getroffen wird.
Yin & Yang vereint – Kurzwaffen
Sehr viel optisches Arbeiten (da ein Fühlen von vorne herein kaum möglich ist) schnelle, geometrisch geschickte Winkelzüge und viel flexible Körperarbeit, verbunden mit guter Struktur, sind Grundvoraussetzungen diese Waffengattung beherrschen zu lernen. Wie bereits die Holzpuppe beide Aspekte fordert, so sind auch die Kurzwaffen ohne „optischer Gartenbeherrschung“ ein aussichtsloses unterfangen. Im Gegensatz zur MYC sind hier optische Fehler aber kaum mehr taktil „auszubügeln“, weil ein Schnitt oder Stich eben viel verheerender Folgen hat als ein Angriff mit den Fäusten.

Geistige / Emotionale Entwicklung durch die Waffenformen:
Auch hier ist ähnlich dem waffenlosen Aufbau zuerst die Arbeit mit sich selbst, seinen eigenen Unzulänglichkeiten (wer die Speerform erlernt hat weiß, wovon hier die Rede ist), Starrheiten und Emotionen zu kämpfen. Erst dann werden die spezifischen Waffenübungen mit dem Partner ausgeführt. Mit ein Grund, warum die Waffen nicht von Anfang an unterrichtet werden ist sicher, dass sinnvolles, gefahrloses Partnertraining erst erlernt werden muss.
Waffentraining generell ist für den Kopf viel anstrengender & fordernder als waffenloses Arbeiten. „Nebenbei“ geht da gar nichts mehr, man muss voll bei der Sache sein oder es eben bleiben lassen.
Ähnlich wie bei SNT/CK beinhalten Stock/Speer und Schwert den Aspekt des „großen Gartens“. Der eigene Bereich wird großzügig abgesteckt und geschützt, (sinnvolle) aktive Angriffe sind eigentlich systematisch (mangels Bewegungserfahrung) kaum möglich. Es geht also auch hier vor allem darum, gewisse Grundlagen zu erarbeiten, eine Verbindung zwischen Waffe und eigenem Körper/Ich zu schaffen und sich selbst zu verteidigen. Es ist zum Beispiel nicht / kaum möglich, ein Schwert zu führen, ohne „dahinter“ zu stehen. Eine Eigenschaft, welche heutzutage scheinbar in Vergessenheit geraten ist – ich mache etwas und stehe dahinter – voll und ganz, mit sämtlichen Konsequenzen.
Das Dao und in weiterer Folge ganz stark das Jian entwicklen ein großartiges, feines Ganzkörpergefühl, eine Verbundenheit mit sich selbst. Die Waffe wird natürliche Erweiterung des eigenen Körpers. Ob das nun an der Waffe an sich oder der Tatsache, dass bis dorthin schon etliche Stunden Waffentraining vergangen sind liegt? Wahrscheinlich von beidem etwas. Natürlich ist das Potential mit so einem Instrument zu töten groß, aber gerade das Jian Partnertraining lässt mehr das Gefühl aufkommen den Gegenüber für Fehler zu Maßregeln und in die Schranken zu weisen, als töten zu wollen.
Bis hierhin haben die Waffen sehr starken Wert im Bereich Körperentwicklung, Förderung von Entschlossenheit aber auch ganz klar der (abstrakten) Erkenntnis, dass das Ziehen einer Waffe das Töten des Gegenüber zur Folge hat – also sollte man sich sehr gut überlegen, ob die Waffe nicht besser nicht gezogen wird.
Kaum jemand wird eine der bisher erlernten Waffen im Alltag bei sich tragen. Auch wenn die Fähigkeiten sehr stark gestiegen sind, die direkte 1:1 Anwendung im Alltag eine dieser Waffen einzusetzen wird sich kaum ergeben. Die bisherigen Waffen bisher sind also mehr Übungsinstrumente, welche gewisse Eigenschaften fördern, als unmittelbare Anwendung schulen.
Messer/Doppelmesser:
Hier handelt es sich nicht mehr um ein „abstraktes Übungsinstrument“. Messer sind Alltagsgegenstände und quasi immer griffbereit. Ein Messer dient auch nicht dazu, jemandem mal „auf die Finger zu klopfen“, wie ein Jian oder Stock. Hier geht es – ähnlich der BT & MYC darum, den Gegner zu töten. Ein gezogenes Messer im Zweikampf führt unweigerlich zu verheerenden Folgen (köperlich, emotional, juristisch).
Andererseits bringt ein Üben der Messerform (mir) interessanterweise Ruhe und Gelassenheit & Frieden. Auch hier gilt – die Möglichkeit, welche sich durch diese zusätzlichen/verfeinerten Fähigkeiten ergeben, eben nicht töten zu müssen, nicht zum Äußersten gehen zu müssen – lassen einen die Dinge in einem anderen Licht erscheinen. Es ist eigentlich viel mehr ein Arbeiten an sich selbst, seinen schlechten Angewohnheiten, Unsauberheiten und Unzulänglichkeiten, als ein sich auf den Ernstfall vorzubereiten.
Einen Schüler, der den Weg bis hierher gegangen ist, und nicht die Lebenskunst, sondern die Anwendung der Kampffähigkeit im Vordergrund sieht, sollte es nicht geben. Das würde der Idee widersprechen, dass ARTMA eine Bereicherung für die Gesellschaft darstellen soll, sondern würde – überspitzt formuliert – geisteskranke Killer erzeugen.

Jede Form, jede Waffe, jede Übung schult auf ihre spezielle Art und Weise gewisse Fähigkeiten – und genau darum geht es. Eine umfassende, ganzheitliche Ausbildung fördert anhand verschiedener Möglichkeiten gleichermaßen das Harte, als auch das Weiche, das Innen und das Außen. Je weiter ein Kampfkünstler auf seinem Weg schreitet, desto mehr erkennt er, dass in den Grundlagen bereits alles enthalten ist. Und desto mehr freut er sich darüber, an seinen Grundlagen feilen zu können.
Wie es mit den anderen Programmen weitergeht vermag ich jetzt noch nicht genau einzuschätzen. Klar ist allerdings, dass weiterhin an beiden Seiten der Medaille gleichermaßen gearbeitet wird, um sowohl Yin, als auch Yang kontinuierlich zu verbessern, um dem Kampfkünstler zu ermöglichen auf einer breiten Basis auf ein hohes Niveau (körperlich, wie auch geistig & emotional) zu erklimmen.
Würde ich heute wieder vor der Entscheidung stehen den Programmaufbau zu ändern oder beizubehalten – ohne Zögern würde ich die gleiche Entscheidung treffen, und von SNT/CK über Biu Tze zur MYC als sinnvollen, aufeinander aufbauenden Weg (Dao) an meine Schüler weitergeben. Ergänzt durch die (ebenfalls aufbauenden) Waffen und viele wichtige Zusatzübungen (Qigong, Yoga, diverse Übungskonzepte, Geistesübungen usw.) kann ich mir derzeit keine „rundere“ Möglichkeit vorstellen unsere Schüler auf dem Weg zum „Edlen“ zu begleiten, Werte zu vermitteln und ihm zu helfen ein wertvoller Teil der Gesellschaft zu werden.
Sifu Günther Röder, Kolsass im April 2013