Ergänzung zur Arbeit auf ARTMA 5 / Dao Schule Tirol Unterrichtsaufbau 2016

April 16, 2020 Günther Plank

Ergänzungen über 3 Jahre danach (Mai 2016 sowie November 2016) zu Unterrichtsaufbau und Schwerpunkte der aufeinander aufbauenden Programme im ARTMA Curriculum 2013:
Vorweg:
Die geistige Entwicklung/Geistesschulung wird – wie bereits im ersten Teil bereits – auch hier nicht „wirklich“ Bestandteil der Arbeit sein, da dies dann ein eigenes Kapitel für sich darstellt und sich mir wahrscheinlich auch erst nach weiteren Jahrzehnten daran arbeiten ausreichend erschließen wird um dazu Stellung nehmen zu können.
Die obigen Ideen & Konzepte decken lediglich den „Wing Chun Teil“ des ARTMA Unterrichtes und die Waffen als „add on“ ab. Da es sich bei Wing Chun um einen in sich schlüssigen Stil handelt, bei ARTMA aber um ein stilfreies Unterrichtskonzept fehlen mir – nach meinem heutigen Erfahrungsstand – einige wichtige Aspekte wenn es um den Aufbau von ARTMA als ganzheitliche, stilfreie und lebendige Kampfkunst geht, welche ich nun im folgenden näher erläutern will:
Würde ARTMA für mich (wie von einigen meiner Salzburger Kollegen gerne so betitelt) „Wing Chun Kung Fu und mehr“ sein, dann hätte obige Aufzählung in sich ausgereicht und wäre schlüssig. Zuerst den Wing Chun Teil lernen, dann Taiji-Waffen, dann Baguazhang und im Anschluss noch Ball-Qigong.

Da für mich ARTMA aber ein stilfreies ganzheitliches Unterrichtskonzept darstellt, welches sich mit der Matrix der Kampfkünste beschäftigt und somit weit über die Wing Chun Aspekte hinausgeht sehe ich folgende Ergänzungen als notwendig an:
Dieser Standpunkt ist sehr subjektiv und über die Jahre gewachsen.
Vielleicht daher rührend, dass der „reine Wing Chun Teil“ zum überwiegenden Teil erlernt, und großteils gut verdaut und an meine eigenen Schüler weitergegeben wurde, vielleicht aber auch den Erfahrungen mit den „ARTMA-Schülern“ geschuldet, welchen von Beginn an eine stilfreie ganzheitliche Kampfkunst versprochen wird, aber auch durch Kung Fu Panda 3 beeinflusst (mehr dazu vielleicht später noch).
Ich sehe meine Aufgabe als Sifu der Dao Schule Tirol (zu welchem ich vor rund 5 Jahren – also 2011 – ernannt wurde) darin, durch meinen Unterricht bzw. meine Vorgaben der Programmschwerpunkte für meine Schüler in einem angemessenen Zeitrahmen viele Teilaspekte der Kampfkünste näherzubringen und ein gewisses Fundament zu legen, auf dem sie dann – ihren eigenen Stärken und Schwächen entsprechend – aufbauen können.
Genauso, wie wir in den Waffen dem Pareto Prinzip (mit 20 % Aufwand 80 % abdecken) folgend zuerst schwerpunktmäßig ein gewisses Grundverständnis im Umgang mit Hieb- und Stichwaffen schulen, so halte ich es auch für angebracht im „waffenlosen Teil“ (den es ja eigentlich nicht gibt, da ich die Waffe bin, und die „Körperverlängerung“ ja nur eine Unterstützung darstellt) von Anfang an Ideen von geradlinig/keilförmig/geometrisch (anhand von Wing Chun Kuen), rund/energetisch (Taiji Chuan) und spiralig (Bagua Zhang) gleichermaßen zu unterrichten. Aber auch Elemente aus dem klassischen Boxen sind so basal, dass sie für mich zwingend zumindest rudimentär beherrscht werden sollten.
Außerdem halte ich es für zwingend notwendig so früh als möglich die Transition von den Waffen ins „Waffenlose“ zu übertragen. Im ARTMA geht es für mich nicht darum WingTsun / Wing Chun zu unterrichten, und einige „add ons“ darauf zu stöpseln, sondern durch den Unterricht verschiedener Zugänge die Kampfkunst als ganzes runder und umfassender in ihrem Kern zu machen.

So wie es Yin nicht ohne Yang gibt, so gibt es das Geradlinige nicht ohne das Runde/Spiralige.

Zum Beispielt beihnaltet die Speerform (aber auch jede andere Waffenform) einen immensen Bewegungsreichtum, welcher das Waffenlose enorm bereichert – der aber leider irgendwie ohne entsprechende Unterweisung nicht beim Schüler ankommt (so zumindest meine Erfahrungen bisher).
Wenn die Speerform als Ergänzung und Erweiterung der bisherigen Kampfkunst gesehen wird, einzelne Elemente auch ohne Waffe aufgrund ihrer Ideen und Bewegungsmuster ins Waffenlose integriert werden können, dann gibt es einen unschätzbaren Mehr-Wert, welcher sich nicht darauf beschränkt „die Speerform tanzen zu können“ und ein paar Applikationen geübt zu haben, sondern die Speerform (zumindest ansatzweise) in die Kampfkunst integrieren zu können.
Selbiges gilt natürlich auch für Zhangzhuan, Baduanjin, Dao, Jian, Schwert, Stock usw.

Solange der Schüler jedoch „nur“ die einzelnen Waffengattungen mit ihren Formen und Programmen lernt, nicht jedoch die Zusammenhänge der Waffen untereinander und zum Waffenlosen erlernt – aber genauso die Übertragung der Fähigkeiten & Fertigkeiten, welche eine Zhangzhuan, Basisflow, Baduanjin und Chen 18 in die waffenlosen und Waffen-Aspekte zumindest aufgezeigt bekommt, so lange wird es im sehr schwer fallen den wahren Wert dieser „Zusatzübungen“ zu erkennen geschweige denn sie zu integrieren. Er wird immer nur in dem „Modus“ arbeiten, der gerade Programm ist.
Ein weiterer Aspekt, welcher bei der Entwicklung der Schüler meiner Meinung nach berücksichtigt werden sollte ist der, dass gewisse Fähigkeiten & Fertigkeiten eine lange „Keimphase“ benötigen.

So wie ich von einem Baum, welchen ich aus dem Kern ziehe, nicht erwarten kann mich in den nächsten paar Jahren in seinen Schatten legen zu können – geschweige denn seine Früchte ernten zu können, so führt auch in der Kampfkunst das Säen von Ideen und Konzepten erst nach unterschiedlich langer Vorlaufzeit dazu, die Früchte davon ernten zu können.
Beim reinen „Wing Chun-Unterricht“ gehe ich relativ „schmal“ in die Tiefe – und entwickle mich so weiter. Diese Vorgangsweise hat zweifelsohne gewisse Vorteile, bringt jedoch unter anderem mit sich, dass man sich von jahrelang eingeübten Mustern nur mehr schwerlich & ungern lösen möchte und führt zu einer gewissen „Engstirnigkeit“. Selbst meine eigenen Ausbilder tun sich oft schwer damit sich von gewissen „alten Gewohnheiten und Sichtweisen“ zu lösen – und die werden seit längerer Zeit damit konfrontiert sich „frei“ zu bewegen – weil sie eben über 10 Jahre Wing Chun Muster in sich haben.
Wenn ich nun aber von Anfang an sowohl die geradlinigen, als auch die runden Möglichkeiten zumindest aufzeige, dann ergeben sich dadurch gewisse Lösungsansätze in der Selbstverteidigung/Anwendung, die einigen Schülern einfach viel näher liegen und für sie besser funktionieren als andere. So sehr viele „Wing Chun“ Lösungen zBsp. in den Notlösungen (Griffbefreiungen usw.) funktionieren, so viel einfacher und passender können unter gewissen Umständen eben auch „andere Lösungen“ sein. Ob ich meinen Garten keilförmig vorschiebe (Wing Chun), oder dies „rund“ mache – und somit zwar keine ableitende „Spitze“ habe, dafür aber mehr Breite – das kann nur die Situation (und damit meine ich auch die sich gegenüberstehenden Personen) mit sich bringen und ist von Fall zu Fall passender oder unpassender.
Speziell im Bereich der Selbstverteidigung ist es meiner Meinung nach unerlässlich dem Schüler mehrere Möglichkeiten aufzuzeigen, da es „die EINE“ richtige Antwort auf solche Situationen nicht geben kann.
Hier kurz die oben angekündigte Analogie zu Kung Fu Panda 3: Po (der Kung Fu Panda) baut auf die von jedem bereits vorhandenen Grundlagen, Fähigkeiten & Fertigkeiten auf und adaptiert diese, anstelle allen „seinen Stil“ aufzuzwingen, was logischerweise bei den grundlegenden Unterschieden von Praying Mantis, Tiger, Affe, Kranich, Schlange und Panda nicht funktionieren kann.
Jahrelange Erfahrung im Unterricht von Schulklassen (überwiegend Mädels von der Volksschule bis hin zur Matura), aber auch mit körperlich äußerst zarten Mädels im Selbstverteidigungsunterricht in der Dao Schule oder in Kursen bestärken mich darin, aus jedem die eigenen Stärken rauszuholen anstelle von fixen Lösungsansätzen welche auf vor Jahrzehnten von mir erlernten Wing Chun Techniken basierende Ansätze vorzugeben. Realistische Selbstverteidigung heißt für mich auch klar zu machen, dass gewisse Kraftunterschiede eben nicht so einfach zu egalisieren sind und Kratzen, Beißen und Zwicken zwar unschön, aber funktionell sind.

Jede Möglichkeit – Keilförmig, Rund, Spiralig – hat ihre Vor- und Nachteile, so wie aber auch jede Situation ihre Vor- und Nachteile hat. Vieles von dem, was für „alte Wing Chun Hasen“ mühelos funktioniert führt für einige Neulinge (speziell wenn sie körperlich unterlegen sind) einfach nur zu Hilflosigkeit, weil die körperlichen Grundlagen (zBsp. Körperansteuerung) nicht vorhanden sind. Und speziell im Bereich der Selbstverteidigung ist es meine Verpflichtung Schülern Möglichkeiten an die Hand zu geben, welche „sofort“ und passend umsetzbar sind.
Die Kraft und Dynamik eines Sonnenfauststoßes (im Weiteren „Wing Chun Fauststoß“ benannt) mit den bekannten Vorteilen von mehrdimensionalem Eigenschutz, hoher möglichen Wiederholungsfrequenz usw. steht außer Frage – aber auch ein „einfacher“ Jab oder Schwinger hat – zur rechten Zeit eingesetzt – durchaus seine Berechtigung; Klar ist der Eigenschutz nicht so gegeben, die Körperdynamik eine andere, aber ab und zu „passt“ ein Jab eben besser an den Hals 😉

Auch ist es für ungeübte viel einfacher Kraft aus einer Rotationsbewegung zu erzeugen/übertragen als aus einer Aufrichtbewegung des Körper. Wenn diese Möglichkeiten aber nicht vorgezeigt und trainiert werden, wird der Schüler eben immer den WingTsun Fauststoß versuchen, auch wenn er nicht zur Situation bzw. seinen derzeitigen Fähigkeiten passt.
Ganz abgesehen davon, dass ich – um einen Jab vernünftig abwehren lernen zu können – eben auch jemanden im Training brauche, der einen Jab auch halbwegs vernünftig machen kann; Dass sonst nur „Wing Chun gegen Wing Chun“ dabei rauskommt ist ja nichts Neues – und die Wahrscheinlichkeit sowas in Mitteleuropa des 21. Jahrhunderts zu benötigen ist recht überschaubar (nachdem die Zeiten der Hausbesuche ja vorbei sind).
Selbiges gilt für die Schrittarbeit; Beschränkungen auf lediglich den „WT-Schritt“ (Verfolgungsschritt mit Gewicht am hinteren Bein) sind für Körperbeherrschung, Grundlagenschulung und gewisse Nahkampfdistanz-Aktionen passend und sinnvoll – nur Körperdynamik und Flexibilität wird dem Schüler so keine vermittelt (was man ja bei vielen Wing Chun Stylisten im Internet beobachten kann). Lockere „Box-Schrittarbeit“ (sei es vom Boxen oder vom Stockkampf übernommen -> Transition) ist im Nahkampf / in Trittdistanz natürlich ebenso (meist) fehl am Platz – für andere Aktionen / Distanzen aber durchaus passend. Auch kann das Gewicht überwiegend am vorderen Bein (im Knie des Gegners) durchaus dazu beitragen diesen zu immobilisieren. Daher sollte die „Grundlagenschrittarbeit“ sich nicht auf die „Wing Chun“ Schritte beschränken, sondern auch die „Waffenschritte“ mit einbeziehen.
Worauf ich hinaus will ist, dass ein stilfreier Unterricht idealerweise nicht darauf aufgebaut ist, zuerst den einen Stil (Wing Chun – SNT bis MYC), dann den anderen (Taiji – Chen 18, div. Waffenformen, Seidenfäden und Pushhands), und danach den nächsten (Baguazhang) zu erlernen, sondern sich von Beginn an zwar an einem „Hauptstrang“ orientieren soll (und da bietet sich Wing Chun anhand des logischen Aufbaues wie oben ausführlich erwähnt an), paralell dazu aber auch die anderen Möglichkeiten bereits frühzeitig (also auf Schülerlevel) zumindest aufzeigen und anschneiden soll.
Wenn ich also nun von Anfang an über das reine Wing Chun hinausgehende Bewegungsmuster einbaue (sei es offline oder auch online, aus dem Poon Sao / Chi Sao / Pushands heraus sowie im Pratzentraining), so hoffe ich damit von Beginn an weniger eingeschränkte Bewegungsmuster und mehr Vielfalt beim Schüler zu erlangen. Und je weniger eingeschränkt die Bewegungsmuster sind, desto wacher und lebendiger werden die Übungssequenzen, da eben nicht nur „Pak/Fst“ oder Kettenfauststöße gemacht werden, sondern das, was gerade passt.
Mein Ziel ist es schließlich jedem die Möglichkeit zu bieten sich zu ent-wickeln und zu ent-falten.
Je länger ich dem Schüler gewisse Bewegungseinschränken (auch wenn sie stilistisch nötig sind) auferlege, desto länger wird es dauern bis er sich wieder „natürlich bewegen“ lernt, da lange eingeschliffene Muster eben genau das sind, was automatisch abgerufen wird. Das ist zwar einerseits ein Ziel der Kampfkünste – sich Muster so einzuschleifen, dass sie automatisch funktionieren/passieren – aber eben bei stilfreier Kampfkunst auf Basis eines breiten Bewegungsspektrums, und nicht auf Grundbewegungsmuster eines einzigen Stiles limitiert.

Ob ich damit einen Irrweg gehe – durchaus möglich; aber vieles von dem, was ich schon seit geraumer Zeit in meinem Unterricht umzusetzen versuche kommt nun nach und nach auch bei anderen Meistern (zBsp. Sifu Sergio Iadarola, Richard Clear) und Großmeistern (Sigung Kernspecht) an die Oberfläche und wird dort umgesetzt (wenn auch nicht immer so unterrichtet).
Wie heißt es bei „1, 2 oder 3“ so schön: ob ihr wirklich richtig „geht“ seht ihr wenn das Licht angeht
Bis dahin versuche ich nach bestem Wissen und Gewissen – und im Austausch mit meinen fortgeschrittenen Lehrern, welche selber schon über 15 Jahre Kampfkunst auf dem Buckel haben – die Dao Schule Tirol so zu leiten, dass daraus ganzheitliche, stilfreie Kampfkünstler erwachsen, welche sich auch so bewegen können – frei im Körper wie im Geiste, offen für Neues, Neugierig und im Bestreben nach Verbindung und Harmonie.
Sifu Günther Röder, November 2016