Schere – Stein – Papier …. und der Bezug zu meinem Unterrichtskonzept 2018

April 16, 2020 Günther Plank

Gerade heute, da Abtrennung und Spezialisierung ja wichtiger denn je scheinen, meine ich genau das Gegenteil müsste es sein, was eine stilfreie, ganzheitliche und lebendige Kampfkunst (in meinem Fall ARTMA) ausmacht. Es geht nicht darum mehr und mehr hineinzupacken, sondern mehr und mehr „wegzulassen“, um die Matrix dahinter zum Vorschein kommen zu lassen. Und mit weglassen meine ich nicht weniger Fähigkeiten zu schulen, sondern die Grundfähigkeiten zu entwickeln, aus denen der Rest und die Spezialisierung entstehen kann.
Wie Michelangelo in die Schuhe geschoben wird einst gesagt zu haben wie er denn David aus der Statue erschaffen habe: “Der David war immer schon da gewesen. Ich musste lediglich den überflüssigen Marmor um ihn herum entfernen.”

Was hat das nun mit „Schere – Stein – Papier“ zu tun? Mit diesem für jeden sicher in Erinnerung gebliebenen Spiel erschließt sich meiner Meinung nach sehr gut, welcher Kampfkunstzugang der „Beste“ ist.

Es gibt ihn einfach nicht!

Nur wer über alle 3 Auswahlmöglichkeiten verfügt und diese entsprechend passend einsetzen kann (was das Spiel natürlich unfair macht wenn ich vorher weiß was benötigt wird – aber um Fairness geht es in der Anwendung ja nicht), der hat zu jeder der 3 Vorgaben eine passende Antwort.

Mein „Schere – Stein – Papier“ Ansatz basiert auf den Zugängen von

• Keil/Kegel/Geometrie (aus dem Wing Chun System)
• Kreis/Ball/Energie (aus dem Taijiquan)
• Spirale/Bewegung/Mehrdimensionalität (aus dem Baguazhang)

Welcher dieser 3 Zugänge besser ist kann nicht vorher gesagt werden – jeder hat seine Vor- und Nachteile, aber in Kombination habe ich eine umfangreiche Toolbox zur Verfügung, die mich für mehr oder weniger alles wappnen sollte.

Eine zarte kleine Frau wird mit „sich anpassen“ und „rumwuseln“ wahrscheinlich besser fahren als einen stabilen Keil in einen 120 kg Typ reinschieben zu wollen. Nach vielen Jahren Kampfkunstausbildung kann aber dann auch die kleine zarte Frau einen 120 kg Typ einfach wegschieben wenn sie funktionell mehr Kraft aufwenden kann (ist immer wieder lustig zu sehen wie die großen Jungs von meiner Frau rumgeschubst werden). Aber diese Fähigkeit der – ich nenn sie mal – funktionellen Ganzkörperkraft wächst eben nicht von heute auf morgen. Aber mit einem passenden Übungswerkzeug sind in kürzester Zeit hier riesige Fortschritte zu erzielen.
Ebenso wird ein 120 kg Brocken selten das Bedürfnis verspüren sich elegant an den Angreifer anzupassen – Keil vor und fertig wird in den meisten Fällen recht gut funktionieren. Aber auch 120 kg mit funktioneller Ganzkörperkraft und Beweglichkeit richten mehr aus als reine Masse.
Meine Aufgabe als Lehrer sehe ich darin, meinen Schülern alle 3 Möglichkeiten anzubieten, damit sie später auch aus allen 3 Möglichkeiten wählen können / das „Passende“ passieren kann. Damit aber auch gleich von Beginn an Sachen funktionieren, werden bei uns von Anfang an alle 3 Zugänge unterrichtet (natürlich auf das Niveau der Schüler angepasst).

Weiters wird großer Wert darauf gelegt, Grundlagen der Waffenarbeit (welche unter anderem Geometriezusammenhänge ungemein deutlicher aufzeigen als waffenlose Kampfkunst) und des Gesundheits (Qigong) Bereiches zu transferieren (Transition). Die Fähigkeit eines aufrechten Standes aus dem Qigong beeinflussen natürlich die Körperhaltung in der Selbstverteidigung und in der Kampfkunst. Ebenso wie die Erkenntnis aus der Waffenarbeit, dass ich „hinter der Waffe“ stehen muss (also hinter dem, was ich vorhabe zu tun) sich im Alltag auswirken sollten. Überhaupt – wer Kampfkunst betreibt und sie im Dojo lässt, der hat nicht verstanden, worum es in der Kampfkunst geht. Wenn die körperliche Entwicklung keine geistige Entwicklung mit sich bringt, dann mag das zwar kämpferische Vorteile haben, eine ganzheitliche Kampfkunst wird dann aber nicht betrieben. Flexibilität im Tun und im Denken sollte einher gehen – und das eine das andere unterstützen.

….und ob ich nun Dantien, Hara oder Bewegungszentrum sage …. wenn meine Bewegung daraus geführt wird macht die Bezeichnung keinen Unterschied. Und wenn die Bewegung nicht daraus geführt wird, hilft es auch nicht x verschiedene Bezeichnungen dafür zu kennen….